Rückblick: Workshop, Innovationsforum und Jahrestagung 2026 in München

Im Rahmen des IWBio-Workshops, des Innovationsforums sowie der Jahrestagung und Mitgliederversammlung 2026 kamen Mitglieder, Start-ups, externe Expertinnen und Experten sowie Gäste aus dem Netzwerk zusammen, um aktuelle Herausforderungen und Perspektiven der industriellen Biotechnologie zu diskutieren.

Workshop „Level Playing Field: Hürden für industrielle Biotech-Innovationen“

Der diesjährige IWBio-Workshop stand unter der Leitfrage, was industrielle Biotech-Innovationen benötigen, um nicht nur technologisch zu überzeugen, sondern auch in die industrielle Anwendung und in tragfähige Märkte zu kommen. Den Einstieg bildete die Keynote „Alternative Proteine: Von der Vision zur Marktreife“. Deutlich wurde: Der Hype im Bereich alternativer Proteine ist abgeklungen, die technologischen Grundlagen haben sich aber weiterentwickelt. Entscheidend für die nächste Entwicklungsphase sind weniger einzelne Produktvisionen, sondern belastbare Wege in die Skalierung: regulatorische Planbarkeit, europäische Fermentations- und Downstream-Kapazitäten, Investitionen in Food-Grade-Biomanufacturing und industrieübergreifende Partnerschaften. Gerade im Kontext von Food Security und Resilienz wurde alternative Proteinproduktion als ein möglicher Baustein für mehr technologische und rohstoffliche Souveränität diskutiert. Im Themenblock „Von Seed bis Scale: Finanzierungspfade und Skalierungshürden in der industriellen Biotechnologie“ stand die Frage im Mittelpunkt, wo die Finanzierungskette reißt. Die Beiträge machten deutlich, dass Kapital grundsätzlich vorhanden ist, aber deutlich selektiver eingesetzt wird. Investoren priorisieren zunehmend validierte Technologien, klare Proof-of-Concepts, belastbare Geschäftsmodelle und konkrete Meilensteine. Für Bioökonomie-Scale-ups ist das besonders herausfordernd, weil sie oft gleichzeitig neue Produkte, neue Prozesse und neue Wertschöpfungsketten entwickeln müssen. Hinzu kommen hohe CAPEX-Anforderungen, Unsicherheiten bei Regulierung und Marktnachfrage sowie die Frage, ob Produktion ausgelagert oder selbst aufgebaut werden soll. Die Antwort auf den Ausgangspunkt der Diskussion „Was braucht es von Seed bis Scale?“ lautete daher nicht nur: mehr Kapital. Benötigt werden passgenaue Finanzierungsinstrumente je Entwicklungsphase, öffentliche und private Co-Investitionen, Abnahmezusagen, geeignete Scale-up-Fonds, IPCEI-ähnliche Instrumente und Investoren, die technologische, industrielle und regulatorische Risiken realistisch bewerten können. Zugleich wurde mit Blick auf Deutschland deutlich: Die wissenschaftliche und industrielle Ausgangsbasis ist stark, doch die Übersetzung in Skalierung, Wertschöpfung und internationale Wettbewerbsfähigkeit bleibt eine zentrale Schwachstelle. Als Hebel wurden unter anderem schnellere Regulierung, bessere Pilot- und Demonstrationsinfrastruktur, Leitmärkte, Nachfrageimpulse und eine konsequentere Umsetzungskultur genannt.

Der zweite Themenblock „Markthochlauf biobasierter Wertschöpfungsketten: Leitmärkte, Nachfrage und Rohstoffbasis“ griff die zentrale Herausforderung auf, warum technologisch gute Lösungen noch nicht automatisch in den Markt kommen. Die Praxisbeispiele zeigten: Markthochlauf gelingt dort, wo biobasierte Lösungen nicht nur nachhaltiger sind, sondern auch konkrete Kundenbedarfe erfüllen - etwa Performance, regulatorische Compliance, Lieferkettensicherheit oder Differenzierung im Produkt. AMSilk zeigte dies anhand proteinbasierter Materialien, die über Präzisionsfermentation, Partnerschaften und bestehende Wertschöpfungsketten in Anwendungen wie Premium-Filamente und Consumer Care überführt werden. Der Schwerpunkt „Wie können biobasierte Wertschöpfungsketten in bestehende Industrien integriert werden?“ wurde insbesondere mit Blick auf die Chemie diskutiert. Industrielle Biotechnologie kann klassische Chemie nicht einfach ersetzen, sondern muss sie sinnvoll ergänzen. BASF zeigte anhand verschiedener Value Cases, wo industrielle Biotechnologie ökonomische, ökologische oder technologische Vorteile bieten kann. Zugleich wurde deutlich, dass Rohstoffvariabilität, aufwendiges Downstream Processing, begrenzte Raum-Zeit-Ausbeuten, hohe Investitionsbedarfe und fehlende Kostenwettbewerbsfähigkeit gegenüber fossilen Alternativen weiterhin zentrale Hürden bleiben. Biomasse für die Bioökonomie: Verfügbarkeit statt Ideologie in den Mittelpunkt stellen Eine weitere zentrale Perspektive im Themenblock zum Markthochlauf biobasierter Wertschöpfungsketten betraf die Rohstoffbasis der industriellen Bioökonomie. Dr. Wolfgang Wach von der Südzucker AG stellte dabei die Frage in den Mittelpunkt, ob die europäische Bioökonomie über ausreichende und wirtschaftlich tragfähige Rohstoffgrundlagen verfügt. Dabei zeigte er auf, dass die Defossilisierung von Chemie, Werkstoffen und Kraftstoffen erhebliche Mengen biogenen Kohlenstoffs erfordert und die Verfügbarkeit geeigneter Biomasse zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor wird. Während die europäische Diskussion seit Jahren stark auf Reststoffe wie Stroh, Waldrestholz oder biogene Abfälle fokussiert ist, verdeutlichte Wach die technischen, logistischen und ökonomischen Grenzen dieser Rohstoffe. Internationale Beispiele aus den USA, Brasilien oder Asien zeigen hingegen, dass erfolgreiche industrielle Bioökonomien auf skalierbaren und planbaren Rohstoffsystemen basieren. Unter Verweis auf aktuelle Studien des nova-Instituts wurde dargestellt, dass eine nachhaltige Nutzung landwirtschaftlicher Biomasse, einschließlich Zucker- und Stärkepflanzen, einen bedeutenden Beitrag zur Defossilisierung der chemischen Industrie leisten kann, ohne die Versorgung mit Lebens- und Futtermitteln zu gefährden. Demnach kann bis 2050 ein relevanter Anteil des Kohlenstoffbedarfs der Chemieindustrie nachhaltig aus Biomasse gedeckt werden. Wach plädierte für eine faktenbasierte und technologieoffene Diskussion über Biomasserohstoffe. Für den erfolgreichen Aufbau einer wettbewerbsfähigen Bioökonomie seien langfristige Planungssicherheit, verlässliche politische Rahmenbedingungen und die Akzeptanz effizienter Rohstoffsysteme entscheidend. Nur so könne Europa seine Ziele in den Bereichen Klimaschutz, strategische Rohstoffsouveränität und industrielle Transformation erreichen. Die abschließende Diskussion zu „Limitationen und Hürden biotechnologischer Innovationen“ bündelte diese Perspektiven. Die zentrale Antwort auf die Workshop-Frage war: Ein echtes „Level Playing Field“ entsteht nicht durch Technologieoffenheit allein. Es braucht verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen, wettbewerbsfähige Rohstoff- und Energiekosten, verfügbare Skalierungsinfrastruktur, marktorientierte Förderinstrumente, frühe Nachfrage durch Leitmärkte und eine stärkere Verzahnung von Start-ups, Industrie, Investoren und Politik. Der Workshop machte damit deutlich: Industrielle Biotechnologie kann wesentlich zu Resilienz, Defossilierung und Wettbewerbsfähigkeit beitragen aber nur, wenn Finanzierung, Skalierung, Rohstoffbasis und Marktzugang gemeinsam gedacht werden

Innovationsforum mit Koralo, Insempra, Differential.bio, ESTER Biotech und Project Eaden

Das IWBio-Innovationsforum zeigte erneut die Breite aktueller biotechnologischer Gründungsansätze von funktionalen Food- und Feed-Inhaltsstoffen über Präzisionsfermentation und datengetriebene Prozessentwicklung bis hin zu Kunststoffrecycling und alternativen Proteinen. Koralo stellte einen postbiotischen Food- und Feed-Inhaltsstoff auf Basis co-fermentierter Mikroalgen und Pilzmyzelien vor. Im Fokus standen klinisch validierte Anwendungen für Darmgesundheit, funktionelle Ernährung sowie Aqua- und Petfood. Insempra zeigte, wie Präzisionsfermentation fragile Lieferketten für Inhaltsstoffe in Beauty, Personal Care sowie Food & Nutrition durch lokale, kontrollierbare Bioproduktion ersetzen kann. Erste vermarktete Produkte zeigen die kommerzielle Anschlussfähigkeit des Ansatzes. Differential.bio gab Einblicke in hoch automatisierte „Biological Data Factories“ zur datengetriebenen Optimierung biologischer Prozesse, unter anderem für Medien sowie Lyo- und Cryo-Protectants bei Probiotika. Diskutiert wurden dabei auch Datenqualität, Skalierbarkeit von Vorhersagen und IP-Fragen bei KI-gestützten Entwicklungsprozessen. ESTER Biotech präsentierte eine Plattform für enzymatisches Kunststoffrecycling und Design for Recycling. Im Fokus standen automatisierte Materialtests, Enzymentwicklung und der Weg in industrielle Recyclingprozesse. Project Eaden stellte seine Fasertechnologie für pflanzenbasierte Fleischalternativen vor. Der Ansatz überträgt Prinzipien aus der Textiltechnologie auf strukturierte Proteinfasern und zeigt mit LEKKA bereits den Schritt in den Markt. Insgesamt machte das Innovationsforum deutlich, wie vielfältig industrielle Biotechnologie bereits heute in konkrete Anwendungen übersetzt wird und wie wichtig Skalierung, Datenqualität, Produktionszugang, Partnerschaften und regulatorische Klarheit für den weiteren Markthochlauf bleiben.

Jahrestagung und Mitgliederversammlung 2026

Die Jahrestagung knüpfte an die Diskussionen des Workshops an und richtete den Blick auf aktuelle politische Initiativen und die weitere Arbeit des IWBio. Passend zum Spruch des Tages „Deutschland braucht mehr Ja-Sager“ stand dabei vor allem die Frage im Raum, wie industrielle Biotechnologie in Deutschland und Europa schneller in Umsetzung, Skalierung und Wertschöpfung kommen kann. Ein Schwerpunkt war das IPCEI Biotechnologie, das von Hannah Scheuing vom BMWE als europäisches Instrument für großskalige, grenzüberschreitende FuEuI- und First-Industrial-Deployment-Aktivitäten vorgestellt wurde. Im Fokus stehen drei strategisch verknüpfte Bereiche: biobasierte Chemikalien, koordiniert durch Deutschland, biobasierte Materialien, koordiniert durch Finnland, sowie biobasierte Inhaltsstoffe für Lebensmittel und Futtermittel, koordiniert durch Estland. Ziel ist der Aufbau eines integrierten, grenzüberschreitenden europäischen Ökosystems. Der nationale Prozess soll indikativ im Sommer 2026 mit der Einreichung und Auswahl von Projektskizzen starten, gefolgt von europäischer Integration und Matchmaking im November und Dezember sowie Pränotifizierung und förmlichen Anträgen ab März 2027. Im Anschluss stellte Dr. Enrico Barsch vom BMFTR die Rolle der industriellen Biotechnologie in der Hightech Agenda Deutschland vor. Industrielle Biotechnologie ist insbesondere in den Zielen zu wettbewerbsfähiger und ressourceneffizienter Industrie sowie krisenfesten Agrar- und Ernährungssystemen verankert. Zentrale Zielmarken sind unter anderem ein einfacherer Zugang zu Forschungs- und Technologieinfrastrukturen für Unternehmen, die Steigerung privater Investitionen in Forschung, Entwicklung und Skalierung auf 5 Mrd. Euro pro Jahr bis 2028, Deutschland als führender Standort für Bioengineering in Europa bis 2029 sowie ein Umsatzanteil biobasierter Chemikalien von 15 % bis 2030. Besonders relevant für die Mitglieder waren zudem die Hinweise auf laufende und kommende Förderformate, darunter IPCEI Biotech, Public-Private-Partnerships, BioDigitalHubs, Forschungsinfrastrukturen wie IBISBA sowie Förderansätze zu synthetischer Biologie, Biofoundries, Zellkultivierung und Präzisionsfermentation. Die Diskussion zeigte deutlich, dass neben Fördervolumen vor allem Geschwindigkeit, einfachere Prozesse, klare IP-Regelungen und ein praxisnaher Zugang zu Infrastruktur entscheidend bleiben. Im vereinsinternen Teil standen anschließend die Berichte aus den Mitgliedsunternehmen, die Weiterentwicklung der geplanten AG-Struktur, der Finanzbericht, die Entlastung und die Neuwahl des Vorstands sowie die Wahl der KassenprüferInnen auf der Tagesordnung. Der bisherige Vorstand wurde wiedergewählt. Wir gratulieren herzlich zur Wiederwahl und freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit.

Unser besonderer Dank gilt allen Referentinnen und Referenten sowie den teilnehmenden Mitgliedern für die offenen Einblicke, die fachlichen Impulse und die engagierten Diskussionen, die die Veranstaltungstage geprägt haben.

Ebenso herzlich danken wir WACKER für die hervorragende Organisation und die Gastfreundschaft im neuen Biotechnology Center. Das sehr gelungene Rahmenprogramm mit gemeinsamer Brotzeit und Besuch des Königlichen Hirschgartens, Abendveranstaltung im Stemmerhof und Führung durch das WACKER Biotech Center hat viel Raum für persönlichen Austausch und Vernetzung geboten.

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